"Glaubt an dieses Österreich!"

Ein Rückblick in das Jahr 1945 — vor 70 Jahren

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Am frühen Abend des 26. April 1965 folgten rund 40.000 Menschen dem Aufruf der Arbeitsgemeinschaft Katholischer Verbände (AKV) und versammelten sich zu einer Gedenkveranstaltung auf dem Wiener Stephansplatz. Es sollte dabei sowohl an den 27. April 1945, der Unabhängigkeitserklärung Österreichs vor 20 Jahren, als auch an den 15. Mai 1955, den Staatsvertrag vor zehn Jahren, erinnert werden.

In der ersten Reihe saß todkrank und in eine Decke gehüllt jener damals noch lebende Mann, der entscheidenden Anteil an beiden Ereignissen hatte: Leopold Figl (Nc). Über die Lautsprecher ertönte in einer Neufassung seine berührende Radioansprache, die er zu Weihnachten 1945 gehalten hatte und die mit dem beschwörenden Appell endete: „Glaubt an dieses Österreich!“ Vielen Teilnehmern kamen die Tränen in die Augen, als sie diese Worte hörten. 

Zwei Wochen später erlag Figl seiner heimtückischen Krankheit, sechs Tage vor dem 15. Mai, an dem er zehn Jahre zuvor nach Unterzeichnung des Staatsvertrages im Marmorsaal des Belvedere spontan gerufen hat: „Österreich ist frei!“ Mit seinem Tod waren nun endgültig die „langen fünfziger Jahre“, wie es manchmal in der Historiographie heißt, vorbei. Sie werden auch nicht zu Unrecht als das „Heldenzeitalter“ Österreichs bezeichnet, unter anderem von Ernst Bruckmüller (Nc).

Ungeachtet weltanschaulicher Differenzen aus der Zeit vor 1938 haben beide Koalitionspartner – ÖVP und SPÖ – in gemeinsamer Anstrengung angepackt, um die Folgen der Nazizeit sowie des Krieges wegräumen und jenes Österreich aufbauen zu helfen, in dem wir heute in einem materiellen wie geistigen Wohlstand leben können, der im europäischen und vor allem globalen Vergleich wohl einzigartig ist.

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– Gerhard Hartmann, in: Academia Mai 2015