Sie sehen alles

Surreale, wüste Verschwörungstheorien – entsprungen der Online-Welt der späten 1990er Jahre – sind keine 20 Jahre später eine akkurate Beschreibung der Realität. In Zeiten, in denen der Grat zwischen Paranoia und gesundem Misstrauen ein schmaler ist, verspricht dieser Rückblick keine guten Nachrichten. Eine beispiellose Lethargie hat den gesellschaftlichen Konsens erfasst: „Sie sehen alles“ – und kaum einen scheint es zu stören.

Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der alles, was ich sage, alles, was ich tue, aufgezeichnet wird. Das ist nichts, was ich bereit bin zu unterstützen. Das ist nichts, unter dem ich zu leben bereit bin.“ Edward Snowden, Ikone einer Datenschutzbewegung, die mangels kritischer Masse keine Bewegung ist und in der Helden verzichtbar wirken, hat uns als Whistleblower nichts ins Ohr geflüstert. Mit der Veröffentlichung aller geheimdienstlichen Informationen, die unter der Klammer #SnowdenLeaks firmieren, hat er allen Internetnutzern mit höchster Lautstärke ins Gesicht gebrüllt. 

Genützt hat es wenig, massentaugliche Schutzmaßnahmen für die Privatsphäre sind Mangelware und die Bereitschaft, lieb und bequem gewordene Kommunikationsmethoden zu überdenken, scheint gering. Zumal die grassierende Angst vor Islamismus jegliche gesamtgesellschaftliche Totalüberwachung als notwendige Begleiterscheinung wirken lässt. Der Kampf zwischen erwünschter Privatsphäre und notwendigen Sicherheitsinteressen ist nicht neu und reicht im Ursprung weit vor 9/11 zurück. 

Doch nicht nur Geheimdienste haben es auf unsere privaten Daten abgesehen. Konzerne, eigene Mitarbeiter und Vorgesetzte können ebenfalls ein reges Interesse an vertraulichen Informationen entwickeln.

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– Christopher Tafeit, in: Academia Juni 2015