Wie links ist die Kirche?

Der Katholischen Aktion sei Dank. Sie hat jenen Tropfen fallen lassen, der das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen bringt. Als die KA der Erzdiözese Wien mit weihbischöflicher Unterstützung sich öffentlich und lautstark für die Unterzeichnung des Anti-TTIP/CETA-Volksbegehrens aussprach, platzte in den Reihen des ÖCV so manchem der Kragen. Viele Mitglieder sahen sich in keiner Weise als Teil jenes Kirchenvolkes, das die Katholische Aktion zu vertreten glaubte, und stellten genau die Frage, die nun zum Hefttitel der ACADEMIA wurde: Wie links ist die Kirche?

Bekanntlich füllt der letzte Tropfen das Fass nicht allein. Seit dem Amtsantritt von Papst Franziskus haben er, viele Bischöfe und katholische Institutionen den Kurs der Kirche in wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Fragen deutlich verändert. „Diese Wirtschaft tötet“ hat sich als Schlagzeile eingebrannt, die Verfechter der freien Marktwirtschaft und des freien Welthandels ebenso schmerzt wie das wertkonservative Kirchenvolk. Nicht zuletzt sind so manche Positionen und Aktivitäten von Caritas und Katholischer Sozialakademie im Zuge der Zuwanderungswelle der vergangenen zwei Jahre auch bei so manchem ÖCVer auf massives Unverständnis gestoßen.

Kardinal Schönborn (Rt-D EM) spricht im Interview mit der ACADEMIA von „vielen verschiedenen Stimmen“, die sich innerhalb der Kirche zu Themen Gedanken machen, die in irgendeiner Weise mit Wirtschaft und sozialen Fragen zusammenhängen. Wir haben versucht, einige dieser Stimmen auf insgesamt zehn Seiten zu Wort kommen zu lassen – ganz bewusst in großer Bandbreite, um der Leserschaft die Möglichkeit zu differenzierter Meinungsbildung zu bieten.

Viele Gedanken macht sich übrigens auch der ÖCV. In einem tiefgehenden Meinungsbildungsprozess haben die Verbindungen und ihre Mitglieder an einem wirtschaftspolitischen Positionspapier gefeilt, das im Mai auf der Cartellverbandsversammlung in Salzburg diskutiert und beschlossen werden soll. ACADEMIA wird diese Leitlinien selbstverständlich publizieren. Sie sollen Grundlage und Anlass sein, dass auch der ÖCV und seine Mitglieder wieder stärker eintreten in den innerkirchlichen Dialog und den Bischöfen und Verantwortungsträgern signalisieren: (Auch) Wir sind das Volk!